April 26, 2006

Über die Substanzlehre bei Aristoteles

Hier findet man, was ich nun im Kopf habe, und was ich für die Dissertation forschen will. Die wird beim Prof. Christof Rapp an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DIE THEOLOGISCHE VERANLAGUNG

Über Gott schreibt Aristoteles im Buch L der Metaphysik, wo er diesen Gottesbegriff im Einzelnen vorstellt. Dieses Buch wird seit einiger Zeit normalerweise „die theologische Abhandlung“ genannt; andere Namen, die in dieselbe Richtung gehen, sind auch in Gebrauch.

Die theologische Betonung, die auf diesen Seiten der Metaphysik bisher gelegt wurde, hat historischen Grunden. Erstens: Die hermeneutische Tradition vom L behauptete bisher, dass die erste Hälfte des Buches eine Hineinführung (oder vorhergehende Zusammenfassung) in die Diskussion über die unsichtbaren Substanzen ist, als ob diese das Hauptziel wären.

Einen zweiten Grund gab es L als eine theologische Abhandlung anzusehen und die erste Hälfte des Buches als eine Vorbereitung, um die unsichtbaren Substanzen zu verstehen: Die naturellen Substanzen gehören zum Feld der Physik und die unsichtbaren Substanzen zur ersten Philosophie (L 1 1069a36ff).

Da eine hundertjährige Tradition L als eine theologische Abhandlung versteht, muss man sich heutzutage bemühen, zu wissen, was Aristoteles dachte. Es ist notwendig, den erdachten Aristoteles, den eine solche Tradition bisher gehalten hat, über Bord zu werfen. „Was hat eigentlich Aristoteles gedacht?“ soll der Markstein sein, um seine Philosophie besser zu verstehen. Die Antwort hilft uns seine Gedanken zu vertiefen. In diesem Kontext bewirkte das „Symposim Aristotelicum“ im Jahre 2000 eine neue Ausrichtung für die Deutung des Buches L.

Die Substanz ist das philosophische, metaphysische Interesse von Aristoteles. Das ist die Hauptfrage der Metaphysik. Aristoteles versichert, dass seine Vorgänger und er selbst sich dafür interessierten, die Prinzipien der sichtbaren Substanzen zu untersuchen. Seine philosophische Besorgnis geht darum, die Frage nach der Existenz und der Bewegung der elementalen Sachen zu erklären.

Die Antwortversuche fliessen erst in dem theologischen Feld zusammen. Dass Aristoteles sich um die Theologie per se sich kümmerte, ist es schwer vorstellbar. Aristoteles präsentiert L nicht vor, als ein Studium der göttlichen Substanzen und auch nicht als ein Studium über Gott. Vom Anfang an scheint es, dass L die sichtbare Welt behandelt: Die Bewegung der Sachen will Aristoteles unbedingt verstehen. Im philosophischen Vordergrund –und zwar im metaphysischen– versucht Aristoteles die sichtbare und vorliegende Welt zu verstehen.

Diese Welt hängt von verschiedenen Prinzipien ab. Zwischen den Prinzipien der materiellen Substanzen findet man einige, die Innere sind, wie die Materie und die Form. Darüber berichtet Aristoteles im Buch Z. Äußerliche Prinzipien sind aber auch zu finden: die unsichtbaren Substanzen. Darüber berichtet er im Buch L.

Die Hauptinteressen von Aristoteles im L sind also die Realitäten, die man zu Hilfe nehmen muss, um eine befriedigene Erklärung für die Sachen in der sichtbaren Welt zu erhalten. Eine besondere Ontologie, die mit der Existenz der unsichtbaren Substanzen rechnet, ist notwendig, um diese Welt zu verstehen. Die Diskussion über die sichtbaren Substanzen impliziert a fortiori einen Gedankenaustausch über die unsichtbaren Substanzen. Das besagt aber nicht, dass L eine Abhandlung über die unsichtbaren Substanzen ist, und durchaus auch nicht, dass L eine Abhandlung über die Gottheit ist. L ist vor allem eine metaphysische Schrift.

L erklärt nicht, was es heißt, Substanz zu sein: Das wurde schon im Buch Z dargelegt, wo auch einige –nicht alle– Prinzipien der sichtbaren Substanz überprüft wurden. Im L werden anderen Prinzipien der sichtbaren Substanz weiter ausgeführt, die vorher in den zentralen Büchern der Metaphysik nur genannt wurden: die unsichtbaren Substanzen (cf. 1029b13-15, 28-31; 1029b3-12; 1037a10-14). L folgt einen dialektischen Gedankengang: ausgehend von den sichtbaren Substanzen, deren Existenz alle akzeptieren, schreitet man fort, bis die ersten Prinzipien und die göttlichen Substanzen erreicht worden sind.

Man findet mindestens zwei umstrittene Fragen. Erstens: Existieren tatsächlich die unsichtbaren Substanzen? Dies behandelt Aristoteles im L. Zweitens: Wie sind diese Substanzen? Aristoteles distanziert sich bei diesem Punkt von Platon. In Betreff der Sorte von Substanzen, die man akzeptieren muss, um die sichtbare Welt zu begreiffen, ist eine große Diskrepanz zwischen den beiden festzustellen. Platon dachte an die Ideen; Aristoteles verdrängt diese Auffassung und dachte an Intellekten.

L ist daher keine freiwillige theologische Abhandlung sondern eine freiwillige ousiologische Schrift, die „unfreiwilligerweise“ in die Theologie hervorgeht. Der Lektürekontext vom Buch L ist, dass dies ein metaphysiches Studium von Aristoteles sei, und dass die Substanzlehre für die aristotelische Metaphysik entscheidend ist.

Nur wenn man die theologische Veranlagung entfernt, kann man die Struktur der zwei Hälften vom L verstehen. Wenn nicht, scheint die Zusammensetzung bizarr. Dagegen wurde seit längere Zeiten die Struktur des 12. Buches der Metaphysik merkwürdigerweise gerechtfertigt. Trotz Aristoteles L als eine Abhandlung mit theologischem Inhalt akzeptieren würde oder sogar als eine mit theologischen Zuschnitt, heißt es nicht, dass die erste Hälfte des Buches ein Vorwort ist. Das bedeutet einfach, dass die Substanzlehre in diesem theologischen Feld ja signifikant ist, und auch, dass die sichtbare Substanz dazu kommt.

Aristoteles nennt allen unsichtbaren Substanzen “göttliche” oder “Götter”. Zwischen diesen göttlichen Wesen bezeichnet Aristoteles eine Substanz: der erste unbewegter Beweger, den er Gott nennt. Aristoteles unterscheidet allerdings nicht ausreichend diesen ersten unbewegtem Beweger von den anderen unbewegten Bewegern. Er spricht auch nicht darüber, was es für eine Beziehung dazwischen gibt. Wenn die zweite Hälfte vom L eine theologische Abhandlung wäre, dann sollte Aristoteles diese Punkte erklärt haben, aber er versichert, daß L eine allgemeine Abhandlung über die unischtbaren Substanzen sei.

Bedingt durch diese eingewurzelte Veranlagung sieht man auch nicht, dass die zweite Hälfte vom L die Existenz, Natur und Zahlen aller unsichtbaren Substanzen diskutiert, nicht nur die des unbewegten Bewegers.

DIE SUBSTANZLEHRE IM L

Die Weise, in der Aristoteles die unsichtbaren Substanzen im L behandelt, unterscheidet sich von der Weise, die man erwarten würde, falls Aristoteles dieses Thema in den zentralen Büchern betrachtet hätte. Er nimmt den Faden dieser Bücher nicht wieder auf. Im Buch Z stellt Aristoteles die verschiedenen Substanzarten, die es gibt, vor. Er erklärt auch, was es bedeutet Substanz-zu-sein. Der Passus 1028b4 ist berühmt: dort bejaht er, Substanz gleichkommt Seiende. Z konzentriert sich an die Substanz, die aus Materie und Form besteht. Diese Prinzipien werden mit Begriffen wie Potenz und Akt bezeichnet. Das Buch L positioniert andererseits einige Substanzen, ohne die es unmöglich wäre, die sichtbaren Substanzen richtig zu begreifen. L ist aber keine Fortsetzung des Studiums über die Substanz, wie es sich in Büchern Z, H und Q befindet. Es ist eher ein paralleler Gedankengang, so weit man es sich denken kann, als ob es die richtige Fortsetzung der mittleren Büchern sei.

Auf der anderen Seite bietet doch L einige zentrale und entscheidende Punkte für den Weg der Metaphysik. Deswegen wäre es optimal, wenn man L als eine unabhängige Abhandlung lesen würde. Schon am Anfang stellt dieses Buch sich als eine allgemeine Diskussion über die Substanz dar. Nur wenn man die Anstrengung und den Zweck von Aristoteles im L versteht, nur denn kann man es mit den zentrallen Büchern der Metaphysik vergleichen, da im L eine allgemeine Erklärung über die unsichtbaren Substanzen zu finden ist.

Dann gewinnen die drei Teilen vom L Sinn: die Einführung (L1); die Seiten über die sichtbaren Substanzen (L2-5); und die Seiten über die unsichtbaren Substanzen (L6-10) bzw. nicht nur die substanziellen Formen der materiellen Objekten, aber auch die Substanzen, die unabhängig von der Materie sind, d.h., wenn die Materie nichts mit der Existenz zu tun hat.

Die materiellen Substanzen sind Prinzipien von nicht-substanziellen Seienden: Irgendwie sind die Prinzipien von materiellen Substanzen auch Prinzipien von nicht-substanziellen Seienden (Akzidenten). Die Prinzipien von sichtbaren Substanzen sind a fortiori auch Substanzen: Wenn es nicht so wäre, hätten wir etwas vorhergehender als die Substanz. Ergo sind die unsichtbaren Substanzen notwendig. So treten diese Substanzen im L auf: Wenn man besser diese sichtbare Welt verstehen möchte, dann ist es nötig, sich die unsichtbaren Substanzen anzuschauen. L10 fängt auch mit einer Erklärung der Ordnung dieser Welt an: Diese Ordnung hängt von Gott oder vom Gute ab. Dies heißt aber nicht, dass Gott ein Teil der Welt ist, sondern dass Gott vollnotwendig ist, um den Kosmos zu verstehen.In meiner Dissertation untersuche ich die aristotelische Substanzlehre von Aristoteles. Es ist zweckmäßig, die Substanz aus der Perspektive vom L zu recherchieren. Man darf aber nicht die mittleren Bücher der Metaphysik vergessen. Meine Absicht ist, wie Prof. Michael Frede vorschlug, L als eine entscheidende Schrift für die Substanzlehre anzusehen. Damit einhergehend kommen die metaphysischen und philosophischen Mittel, um es zu erreichen. Nur so könnte man erkennen, was L zur aristotelischen Substanzlehre einbringt, d.h., man könnte die Unterschiede –Rücktritte und Fortschritte– zwischen L und dem Rest der Metaphysik (und auch der Physik) aufzeigen. Die Wichtigkeit vom L nicht für die theologische sondern für die ousiologische Diskussion soll noch bewert werden.

* Für die sprachlichen Korrekturen danke ich herzlich Stefan Münzing.

3 comments:

El Serch said...

Después de leer esto, sólo me queda algo: ¡¡revisitar la Metafísica de Aristóteles!!. Pero tendrá que esperar, porque yo estoy liándome con "Verdad y Método".

Por cierto, me deja pensando esto que se menciona: «Aristoteles nennt allen unsichtbaren Substanzen “göttliche” oder “Götter”». Entre otras cosas, porque más o menos veo encaminada hacia dónde va la “ontología estética” de una filósofa posmoderna como es Teresa Oñate –colaboradora de Vattimo en España y amante de los búhos de madera-. En cuanto pueda, posteo algo respecto a su muy singular interpretación de la metafísica.

gute Nacht!

El Serch.

Dauphine said...

Ca a l'air très intéressant ce texte, mais...en deux mots, qu'est-ce qu'il raconte ?

Gabriela said...

Me parece que nuestro querido Aristo no estaba muy seguro de esas cosas poco ciertas y no tenía muchas ganas de emular a su gran maestro Socrates que terminó con la cicuta por desafiar a los Dioses de la ciudad. Era más diplomatico. Lo único que le interesaba es fundar el método de las ciencias separando bien "lo que ofrece resitencia"(lo tangible) de otras yerbas.
Cariños,
Gabriela Bomchil
gbomchil@arnet.com.ar

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